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22.01.2010

Gestörte Emotionen beginnen im Gehirn

Von Ingeborg Salomon

Moderne Bilder an den Wänden, Stühle und Sofas mit farbenfreudigen Polstern und schickes Design: Das Arbeitszimmer von Prof. Sabine Herpertz in der Psychiatrischen Universitätsklinik zeigt, dass hier ein Generationenwechsel stattgefunden hat. Die 49-Jährige ist Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, am 1. September 2009 hat sie die Nachfolge von Prof. Christoph Mundt angetreten, der emeritiert wurde. Doch die Veränderungen sind nicht nur äußerlich, Prof. Herpertz setzt auch in Forschung und Lehre neue Akzente - ohne die lange Tradition der Klinik über Bord zu werfen.

Wissenschaftlicher Schwerpunkt der Medizinerin, die von 2003 bis zu ihrer Berufung nach Heidelberg die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock geleitet hat, ist die Emotionsforschung. Soll heißen: Sabine Herpertz beschäftigt sich intensiv mit Persönlichkeitsstörungen wie Borderline-Syndrom, mit Impulskontrollstörungen und Autismus. Dabei untersucht sie mit ihrem Team besonders das limbische System im Gehirn; denn hier, besonders in der Amygdala, dem "Mandelkern", haben viele dieser Störungen ihren Ursprung.

Viele von Herpertz' Patienten haben Borderline-Störungen. "Sie leiden unter heftigen Gefühlsstörungen und haben oft den Eindruck, Mitmenschen und Umwelt stünden ihnen feindselig gegenüber. Darauf reagieren sie aggressiv oder autoaggressiv", erläutert die Psychiaterin. Während Männer ihre Aggressionen eher nach außen wenden und dabei gewaltsam werden können, neigen Frauen eher zu einem selbstverletzenden Verhalten. "Versuche haben gezeigt, dass Borderline-Patienten die Mimik ihres Gegenübers viel feindseliger deuten als gesunde Probanden", führt Herpertz aus. Zudem könnten sie negative Erlebnisse, wie sie im "normalen" Alltag vorkommen, nicht einfach ausblenden.

Dass bei Borderline-Patienten - ebenso wie bei autistischen Menschen - das limbische System gestört ist, beweisen bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie. Sie zeigen, dass die Aktivierungsmuster im Gehirn dieser Patienten verändert sind. So arbeiten Prof. Herpertz und ihr Team nicht nur eng mit den Neuroradiologen zusammen, sondern ebenso mit den Kollegen der Psychosomatik und der Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Borderline-Störungen beginnen oft in der Pubertät", so Herpertz.

Um Patienten mit Persönlichkeitsstörung zu helfen, wenden die Psychiater Methoden der Psychotherapie ebenso an wie biologische Verfahren. Das Hormon Oxytocin beispielsweise, das vor der Geburt ausgeschüttet wird und die Bindung zwischen Mutter und Kind positiv beeinflusst, wirke sich auch günstig auf die Wahrnehmungsfähigkeit aus. "Die Patienten zeigen weniger Angst, sie haben mehr Vertrauen und bauen Spannungen ab", so Herpertz. Da das Hormon nur in sehr geringen Mengen gegeben wird, findet man auch bei männlichen Patienten positive Effekte, ohne Nebenwirkungen befürchten zu müssen.

Da die Psychiatrie im Altklinikum in Bergheim bleibt, werden die verschiedenen Gebäude nach und nach renoviert. Zur Zeit stehen 40 Plätze in der Tagesklinik und 119 Betten auf den Stationen zur Verfügung. Ab September werden es wieder 127 sein, dann ist der Ostflügel von Haus 1 fertig. Außerdem wird noch ein kleiner Flügel an den Gebäudetrakt angebaut, bis Sommer 2011 soll alles fertig sein. "Unsere Patienten haben dann schönere, helle Zimmer und mehr Platz", blickt die Ärztin in die Zukunft. Außerdem soll eine Gerontopsychiatrische Tagesklinik entstehen. Die Vernetzung zwischen ambulanten, teilstationären und stationären Therapieangeboten will die neue Direktorin zusammen mit anderen Anbietern in der Stadt ausbauen.

Dass Sabine Herpertz Medizin studieren würde, war ihr fast in die Wiege gelegt. Beide Eltern sind Ärzte, ihre Schwester Beate steht der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aachen vor, ihr Bruder Stephan leitet die Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum. In Heidelberg hat sich Sabine Herpertz, die in Oberhausen geboren ist, in Bonn und Frankfurt studiert und an Kliniken in Bochum und Aachen gearbeitet hat, gut eingelebt. Privat interessiert sie sich für Literatur und Kunst. Dass sie die nur einen Steinwurf entfernte Sammlung Prinzhorn längst nicht nur beruflich für sich entdeckt hat, versteht sich.


Quelle: RNZ online









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