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News (public)


18.01.2010

Unter dem Campus liegt das Gräberfeld

von Ingeborg Salomon

Quelle: Die Rhein-Neckar-Zeitung

Dass das heutige Ladenburg auf die ehemalige Römersiedlung Lopodunum zurückgeht, wissen nicht nur Archäologen, sondern auch die meisten Kurpfälzer. Dass jedoch die Neuenheimer über ausgedehnten Kastellresten wohnen und der Campus der Universität auf einer ehemaligen römischen Nekropole errichtet wurde, ist schon weniger bekannt. Allenfalls Namen wie "Ladenburger Straße" oder Kastellweg" erinnern noch daran.

Mit annähernd 1400 Gräbern, aus denen rund 100 000 Beigaben geborgen wurden, ist das Neuenheimer Gräberfeld nicht nur das größte und besterhaltene der ehemaligen römischen Provinz Obergermanien, sondern auch eines der größten im gesamten römischen Deutschland. Es erstreckt sich auf einer Länge von knapp 500 Metern auf beiden Seiten der Fernstraße nach Ladenburgs. Die Funde aus diesem Friedhof sind äußerst gut erhalten,weil das Areal vor Hochwasser geschützt war und bis Mitte des 20. Jahrhunderts unbebaut.

Die Bergung und Sichtung der Funde, die der 2009 verstorbene Berndmark Heukemes hier zwischen 1951 und 1969 auf dem neugeschaffenen Universitäts-Campus begonnen hat, führt sein Kollege Andreas Hensen jetzt weiter. Am Montag stellt der 42-Jährige, der die Auswertung und Aufarbeitung der Funde im Auftrag des Kurpfälzischen Museums koordiniert hat, sein Buch "Das römische Brand- und Körpergräberfeld von Heidelberg I" im Kurpfälzischen Museum vor. "Schade, dass Herr Heukemes das nicht mehr erleben durfte, ich hätte ihm die Bände gerne persönlich überreicht", bedauerte Andreas Hensen im Gespräch mit der RNZ. Dass er Heukemes die beiden Bände gewidmet hat, ist mehr als eine Geste.

Dass die Funde von Neuenheim, die aus der Zeit zwischen 80/85 und 185/90 n. Chr. stammen, von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung sind, weil sich daraus viele Aufschlüsse über Leben und Sterben in dem römischen Vicus ziehen lassen, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft erkannt und das Projekt neun Jahre lang mit insgesamt 1,5 Millionen Euro finanziert. "Auch das Landesamt für Denkmalpflege, das Regierungspräsidium Karlsruhe und die Heidelberger Stadtverwaltung haben uns sehr unterstützt", unterstreicht Hensen.

Der Dank des Wissenschaftlers gilt auch den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern, die die Funde sortiert und gereinigt haben. Was Hensen und seine Kollegen geschaffen haben, dokumentieren die beiden schwergewichtigen Bände, die gerade im Theiss-Verlag in der Reihe des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart erschienen sind.

Die römische Gräberstraße begann etwa da, wo heute das Casino von Heidelberg Cement steht und verläuft dann quer über den Hubschrauber-Landeplatz des Klinikums über den Campus bis zu den Chemischen Instituten. Für die Archäologen erwies sich dieses Areal als wahre Fundgrube mit der Einladung, im großen Stil zu puzzeln: Rund 100 000 Einzelstücke hat das Team der archäologischen Abteilung des Museums erfasst, beschrieben, fotografiert und zu rund 30 000 digitalen Katalogeinträgen zusammengefasst.

Eine leichte Lektüre für ambitionierte Laien oder ein nettes Bilderbuch für Neuenheimer sind die beiden dickleibigen Bände nicht. "Das ist ein Werk für Kollegen der Altertumsforschung und den wissenschaftlichen Gebrauch", weiß Hensen. Während der erste Band als Textband sämtliche Funde genau beschreibt und wissenschaftlich aufschlüsselt, enthält der zweite Band Lagepläne und Abbildungen. Gefunden und beschrieben haben die Archäologen exakt 1349 Brandgräber (mit verbrannten Überresten der Toten) und 39 Körpergräber mit Skelettfunden. "Wir haben 1413 Individuen identifiziert, und neben den rund 100 000 Grabbeigaben auch steinerne Grabbauten, Opfergruben und Tier-Bestattungen untersucht", so Hensen. 13Wissenschaftler aus verschiedenen deutschen Forschungseinrichtungen haben Inschriften enträtselt, die chemische Zusammensetzung von Gläsern analysiert und Textilfasern aufgedröselt.

Die Grabbeigaben – beispielsweise Öllämpchen und Gefäße – werden ebenfalls genau beschrieben. Viele sind imKurpfälzischen Museum ausgestellt. Besonders die kunstvollen Glasgefäße verblüffen den Laien. "Man darf aber nicht von den Grabbeigaben auf den individuellen Wohlstand schließen", erläutert Hensen.

Die Römer hätten eher eine schlichte Bestattung bevorzugt; aufwändige Grabbeigaben hingegen ließen eher auf einen Toten mit keltischen oder germanischen Wurzeln schließen. Der Friedhof wurde sowohl von den Soldaten des Neuenheimer Kohortenkastells als auch von den Bewohnern der Zivilsiedlung genutzt. Etliche der gefundenen Gläser stammen aus Köln. Den Archäologen zeige das, dass "Heidelberg schon damals eine verkehrsgünstige Lage hatte und einen überdurchschnittlichen Wohlstand".

Für einen ambitionierten Altertumsforscher wie Andreas Hensen ist die aktuelle Publikation natürlich nicht das Ende seiner Forschungsarbeit. "Wir haben eine Unmenge an Daten gewonnen und werden die besondere Entwicklung Heidelbergs zur Römerzeit daran weiter verfolgen", blickt er in die Zukunft.

Info: Andreas Hensen: Das römische Brand- und Körpergräberfeld vonHeidelberg I, zwei Bände, 1280 Seiten, Theiss-Verlag, Stuttgart, 2009, 150 Euro. Die beiden Bände werden am Montag, 18. Januar, um19 Uhr im Kurpfälzischen Museum Heidelberg, Hauptstraße 97, öffentlich vorgestellt.









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