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23.12.2009

Weihnachten - Auch heute noch eine Spur des verschütteten Festursprungs

Bei all der weihnachtlichen Betriebsamkeit, die zurzeit so ziemlich jeden erfasst hat, kommt man kaum zum Innehalten. Zum Nachdenken – oder beispielsweise zum Nachlesen, wie das Weihnachtsfest eigentlich entstanden ist. Wir haben Kirchenhistoriker Prof. Winrich Löhr (Foto: Knut Gattner) von der Ruperto Carola gefragt; hier seine Antwort zur Entstehung von Weihnachten:
Obwohl schon im 2. Jahrhundert christliche Gelehrte versuchten, das Datum der Geburt Christi zu berechnen (und sich natürlich nicht einigen konnten), wurde Christi Geburt erst relativ spät, seit dem 4. Jahrhundert, mit einem eigenen Fest begangen. Außerdem gab es nicht einen sondern zwei Festtermine: einen am 25. Dezember, den anderen am 6. Januar.

Das Fest am 25. Dezember wurde – so lautet ein gewisser Konsens der Forschung – in den 30er-Jahren des 4. Jahrhunderts unter Kaiser Konstantin vermutlich zunächst in Rom eingeführt. Ein anonymes römisches Kalenderwerk aus der Mitte des 4. Jahrhunderts, der sogenannte „Chronograph von 354“ enthält eine Liste der römischen Märtyrer, deren Todestage begangen wurde. Dort findet sich zum 25.12. die lapidare lateinische Notiz: „Natus Christus in Betleem Iudeae.“ Es lässt sich zeigen, dass diese römische Märtyrerliste vor 336 n. Chr. in Rom entstanden sein muss. Offenbar kannte man also bereits zu diesem Zeitpunkt den 25. Dezember als Geburtstermin und beging ihn festlich.

Wie kam man aber gerade auf dieses Datum, das von christlichen Autoren vor dem 4. Jahrhundert gar nicht erwähnt wird? Hierzu enthält der römische Kalender ebenfalls einen Hinweis: Dort findet sich nämlich auch eine Liste heidnischer Festtage. Und darin ist der 25. Dezember ebenso ein Festtag, nämlich – als Tag der Wintersonnenwende – der Geburtstag des „Sol Invictus“, das heißt der auch durch die Finsternis der Winterzeit unbesiegbaren Sonne. Die Heiden feierten am 25.12. also den Sieg des Lichtes und des Lebens über die Finsternis und den Tod. Man entfachte zu diesem Zweck Sonnenwendfeuer und im Zirkus fanden besondere Festspiele statt – es wurden statt der an anderen Feiertagen üblichen 24 Rennen nunmehr 30 Rennen aufgeboten.

Die „Sol Invictus“-Feier war anscheinend aber nicht uralter Brauch. Vielmehr scheint der „Chronograph von 354“ der erste Beleg zu sein. Gerade Kaiser Konstantin hatte den Kult des „Sol Invictus“ zunächst besonders gefördert, um sich politisch von der religiösen Ideologie seiner kaiserlichen Rivalen, die Jupiter und Herkules favorisierten, absetzen zu können. Auf den konstantinischen Münzen spielte der Sonnengott noch bis etwa 323 eine Rolle.

In der Forschung ist erwogen worden, ob es vielleicht Konstantin war, der beide Feste, das heidnische und das christliche, gleichzeitig einführte. Damit würde sich eine gewisse Parallele zur Einführung des Sonntags ergeben – beide Male hätte Konstantin Feste erfunden, deren exakte Bedeutung offen gehalten werden konnte, um inklusiv zu sein. Zuzutrauen wäre ein solches Kalkül dem hochintelligenten Kaiser, der eine religiös-politische Revolution ins Werk setzte, durchaus. Aber im Bezug auf das Weihnachtsfest ist eine solche Erwägung angesichts der Quellenlage bloße Spekulation. Dass heute das Weihnachtsfest nicht nur ein christliches Fest ist sondern als eine Art inklusives Volksfest selbst von denjenigen begangen wird, die keine oder nur sehr laue Christen sind, kann man immerhin als eine Spur des verschütteten Festursprungs betrachten.

Von Rom verbreitete sich die Feier der Geburt am 25. Dezember in den Osten, um 385 hat sie beispielsweise Antiochien erreicht; in Ägypten muss es irgendwann zwischen 400 und 432 n. Chr. eingeführt worden sein. Im Osten traf sie auf ein Fest, das am 6. Januar begangen wurde und griechisch „epiphaneia“ (Erscheinung) oder auch „ta phôta“ (Lichter) genannt wurde. Doch wurde am 6. Januar nicht nur die Geburt im Stall von Bethlehem gefeiert sondern auch die Taufe Jesu sowie teilweise auch die Hochzeit von Kana und die Huldigung durch die Weisen aus dem Morgenland.

Wie kam es zu diesem Termin? Bereits im 2. Jahrhundert wurde von einigen Anhängern des christlichen Philosophen Basilides die Taufe Christi mit einer Vigilie in der Nacht vom 5. zum 6. Januar begangen. Aber es ist unklar, ob von diesem Fest eine gerade Linie zum Epiphanienfest in den östlichen Kirchen des 4. Jahrhunderts läuft. Auch im Hinblick auf das Fest des 6.1. wurde gefragt, ob dieses Datum auch für die Heiden ein Feiertag war. Doch hat sich hier kein klares Ergebnis gefunden. Das östliche Epiphanienfest hat sich dann schon im 4. Jahrhundert in den Westen ausgebreitet: nach Gallien, nach Mailand und – wohl erst im 5. Jahrhundert – auch nach Rom.

Winrich Löhr ist seit 2007 Professor für Kirchengeschichte an der Ruperto Carola. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem die Theologiegeschichte des antiken Christentums, Gnosis/Gnostizismus sowie Politik und Religion in der Antike.










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